Traumatisierung

Ein seelisches Trauma ist eine Reaktion auf ein Ereignis mit einem außergewöhnlichen Ausmaß an Bedrohung oder Belastung, das bei fast jedem Menschen zu einem Stress- und Schockzustand führt. Die üblichen Verarbeitungsmechanismen wie Flucht, Kampf oder Aggression versagen.

Zu den hochprozentig traumatischen Ereignissen zählen: sexuelle Gewalt, physische Gewalt, seelische, manipulative Gewalt, autoritärer, aggressiver, manipulativer Erziehungsstil, (vorübergehender) Verlust der Bezugsperson, Tod/ Suizid des eigenen Kindes, Tod/ Suizid eines geliebten Menschen, Unfälle, schwere Geburten, schwere Operationen, schwere Krankheiten, Krankenhausaufenthalte im Kindes- und Jugendalter, Mobbing in der Schule, Mobbing am Arbeitsplatz, Naturkatastrophen.. Folter und Krieg.

Die dabei auftretenden Gefühle wie Schmerz, Angst, Todesangst, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit, Ausgeliefert sein, werden im Sinne eines Überlebensmechanismus abgespalten (Dissoziation) und in der Zeit eingefroren und beeinflussen und prägen vom Unbewussten her negativ die Beziehung zu uns selbst und zu anderen. Ebenso kann die traumatische Situation selbst oder Teile davon abgespalten werden und so dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich sein.

Situationen, Worte, Gegenstände, Gerüche, die an das Trauma erinnern, können jedoch noch nach Monaten, Jahren und Jahrzehnten bedrohlich wirken und die „alten eingefrorenen negativen Gefühle von damals“ oder in der Traumatherapiesprache: „das verletzte Ich von damals“ mobilisieren und den betroffenen Menschen somit zur jeder Zeit mit den damaligen bedrohlichen Gefühlen überschwemmen und seine Wahrnehmung, sein Fühlen, sein Denken, sein Verhalten und seine Entwicklung negativ beeinträchtigen.

Weiters entstehen im Rahmen von Traumatisierungen Täterintrojekte. Dies sind verinnerlichte negative Beziehungsmuster in Form von negativen Stimmen, Gedanken und Empfindungen wie: Du bist schlecht. Du schaffst das nicht. Du bist nichts wert. Du bist selber Schuld. Dich mag eh keiner. Spiel dich nicht so auf. So schlimm wird es schon nicht gewesen sein... Der Traumatisierte trägt „ein Stück“ vom Täter in sich. Auch wenn das Trauma schon längst Vergangenheit ist und der Täter vielleicht schon tot ist, lebt es/ er noch in ihm weiter.

„Die Zeit heilt alle Wunden“ gilt nur für einfache seelische Verletzungen, aber nicht für Verletzungen im Sinne einer Traumatisierung.

Körperliche Traumafolgen: Erhöhung der Stresshormone, dauerhafter Übererregungszustand, erhöhter Herzschlag, Extraschläge des Herzens, Blutdruckerhöhung, Angespanntheit, innere Unruhe, körperliche Schmerzen, Ekel vor dem eigenen Körper, zerstörtes Körperbild, Nähe zu anderen wird als bedrohlich erlebt, Verlust der Libido, Störung des Sexualverhaltens, Gewichtsprobleme, Schlafstörungen, Erschöpfungszustände, Selbstverletzungen

Weitere Traumafolgen: Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Lernstörungen, innere Stimmen, Intrusionen (Flash backs, Erinnerungen und Bilder, die plötzlich einschießen und die mit dem Trauma verknüpft sind), Gedächtnis-Zugang zu normalen Ereignissen in der Biographie kann unmöglich sein, Gefühl des Zeitverlustes im Alltag.

Seelische Traumafolgen: Verunsicherung, Schreckhaftigkeit, chronisches Gefühl des Bedrohtseins, Ängste, Angst wieder Opfer zu werden, erhöhte Verletzbarkeit, Weinerlichkeit, Weinkrämpfe, unkontrollierbare Gefühlsausbrüche, das Gefühl in einem Film zu sein, das Gefühl neben sich zu stehen, Gefühl wie betäubt zu sein, Gefühle der Leere, der Hoffnungslosigkeit und der Sinnlosigkeit, sozialer Rückzug, Schamgefühle, Schuldgefühle, Reizbarkeit, Amnesien, Verlust des Selbstvertrauens, Verlust anderen Menschen zu vertrauen, Gefühl nicht verstanden zu werden, Auffälligkeiten des Sozialverhaltens, Posttraumatische Belastungsstörung, Anpassungsstörung, Angst-und Zwangstörungen, Panikstörungen, Depressionen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen (Borderline Persönlichkeitsstörung...), Suizidalität, Suizid

Nicht jeder erholt sich von einem aggressiven Erziehungsstil, von einem Mobbing oder von jahrelangen Manipulationen in der Partnerschaft, von einer schweren Operation, von sexueller Gewalt, vom Verlust eines geliebten Menschen oder von einem anderen schweren Schicksalsschlag.

Frodo aus dem Film: Herr der Ringe: „Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann? Manche Dinge kann auch die Zeit nicht heilen, manchen Schmerz, der zu tief sitzt und einen fest umklammert.“

Für den traumatisierten Mensch gilt: Die Vergangenheit existiert nicht mehr, die Gegenwart ist nicht aushaltbar, die Zukunft nicht vorstellbar (L. Tutsch). Desto rascher der traumatisierte Mensch Hilfe bekommt, desto rascher kann er sich erholen.


Traumatherapie
Die Traumatherapie ist eine spezielle psychotherapeutische Behandlungsmethode um seelische Traumatisierungen, die das Leben der Betroffenen negativ prägen und die zum Teil weit in der Biographie zurückliegen, zu finden und zu verarbeiten und sie in das jetzige Leben zu integrieren. Neben der Stabilisierung des „jetzigen Ichs“ zählen die Beziehungsaufnahme zum „verletzten Ich“ und seine innere Versorgung mit Sicherheit, Realitätsbezug, Stellungnahme, Trost und menschlicher Wärme und die Auflösung der abgespaltenen Gefühle und Täterintrojekte zu den ersten Aufgaben der Traumatherapie. Die Traumakonfrontation kann, muss aber nicht bei jedem Betroffenen folgen. Die Hauptmethode ist die Imagination.


Ein Trauma gilt als integriert, wenn

  • das Trauma erinnerbar ist
  • die Tragweite des Traumas erkennbar ist
  • die zum Trauma passende Aggression fühlbar (DD Ohnmacht) ist
  • das Mitgefühl zu sich selbst entstanden ist
  • die Trauer über das Passierte möglich ist und Trost entstanden ist
  • die Stellungnahme zum Passierten möglich ist
  • es neben dem Trauma auch mich wieder in meiner Gesamtheit gibt
  • neues Leben - trotz des Traumas - wieder möglich ist